Wissenschaftlerin sagt: Der Rausch bringt die Menschen zusammen

Dr. Yvonne Niekrenz, Soziologin an der Universität Rostock: ritualisierter Ausbruch aus dem Alltag. Foto: ITMZ/UNIVERSITÄT ROSTOCK

Die Deutschen feiern gern in ihrer Freizeit und genießen sich selbst im kollektiven Rausch. Das hat die Rostocker Soziologin Dr. Yvonne Niekrenz in ihrer Promotionsstudie zum rheinischen Karneval herausgefunden. „Karneval ist nicht mehr nur fünfte Jahreszeit, Karneval ist immer“, sagt die 33-jährige Wissenschaftlerin von der Universität Rostock.

Selbst die Rostocker Hanse-Sail hat aus ihrer Sicht einen solchen Volksfestcharakter, weil es beispielsweise mit Scherzsonnenbrillen und Hawaiiketten bei dem maritimen Großereignis eine Tendenz zum Verkleiden gibt. Alltagsregeln werden hier wie da außer Kraft gesetzt. Menschen, die im Alltag Abstand voneinander halten, suchen miteinander den Kontakt, Unbekannte umarmen und berühren sich.

Sie überlassen sich bereitwillig dem Takt der Menge. Die Rostocker Soziologin bezeichnet das mit dem akademischen Begriff „rauschhafte Vergemeinschaftung“. Sie schlägt den Bogen vom Norden zum Süden und sagt: „Die Hanse-Sail ist nicht der Kölner Karneval, aber sie vermag es ebenso mit karnevalesken Zügen, die Menge zum gemeinsamen Feiern zu bewegen“.

Für die Rostocker Wissenschaftlerin ist das „Fest als Ausdruck der kollektiven Lebensfreude sehr spannend“, wie sie sagt. „In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind in der Soziologie Gegenwartsdiagnosen gestellt worden die besagen, dass die Deutschen hoch individualisiert sind und sich immer mehr aus traditionellen Bindungen wie beispielsweise die Familie herauslösen. Man wechselt zum Beispiel häufiger die Partner, den Job oder den Wohnort“, konstatiert Yvonne Niekrenz. Finden also kaum noch Gemeinschaftsprozesse statt? „Mitnichten“, sagt die Rostocker Soziologin.

Dr. Yvonne Niekrenz, Soziologin an der Universität Rostock: ritualisierter Ausbruch aus dem Alltag. Foto: ITMZ/UNIVERSITÄT ROSTOCK

Dr. Yvonne Niekrenz, Soziologin an der Universität Rostock: ritualisierter Ausbruch aus dem Alltag. Foto: ITMZ/UNIVERSITÄT ROSTOCK

Sie hat beispielsweise im Karneval rauschhafte Vergemeinschaftungen von Jecken gefunden, die sie in ihrer Studie als momenthafte, exzessorientierte Formen von Geselligkeit beschreibt. „Die Leute fühlen sich wohl, gut aufgehoben und gewärmt von vermeintlich Gleichgesinnten“.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftlerin: Anlässe wie Karneval, Fußballspiele oder Festivals sind notwendig für so genannte Einbettungsprozesse. „Damit wir uns wieder gut aufgehoben fühlen. Für die Menschen selbst ist das Ausbruch vom Alltag“. Das hat eine interessante Seite: Ausschweifende Feiern und die überschäumende Lebenslust sind raum-zeitlich und rituell gerahmt: Karneval oder Hanse-Sail finden an einem bestimmten Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt statt und sind irgendwann wieder vorbei.

„Das Wissen um die Endlichkeit des Festes befördert den Drang zum Exzess“, sagt die Soziologin und schlägt den Bogen zur Begrenztheit des Lebens, der eigenen Sterblichkeit.

Was kann man zum Beispiel vom rheinischen Karneval lernen? Da hat Yvonne Niekrenz eine Antwort parat: „Wenn man gemeinsam an einem Strang zieht, kann man etwas auf die Beine stellen“. Das Schöne beim Karneval sieht die Forscherin vor allem darin, dass Generationen miteinander verbunden werden.

„Die rauschhaften Vergemeinschaftungen, wie sie bei großen Volksfesten, insbesondere aber beim Karneval zu beobachten sind, bilden einen sozialen Kitt für das gesellschaftliche Gefüge“, versichert die Wissenschaftlerin.

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