Januar, 1610: Himmel abgeschafft!

KRÖPELINER-TOR-VORSTADT. In einer Co-Produktion mit dem Theater an der Parkaue startete am 15. Oktober die Inszenierung von Bertolt Brechts »Leben des Galilei« im Theaterzelt des Volkstheater Rostock. Befürchtungen vor all zu schwerer Kost erweisen sich schnell als unbegründet. Das Stück ist modern, zugänglich, inhaltlich auf das Wesentliche reduziert und bietet neben einem beeindruckenden Bühnenbild mit Jakob Kraze als Galilei auch einen echten Protagonisten.

Prolog

Es ist immerhin Brecht – um nicht ganz unvorbereitet in dieses Stück zu gehen, denn in der Schule ist es an mir vorbeigegangen, besuche ich meinen alten Herren und stöbere ein wenig in dessen Bibliothek. Die wie immer nicht enden wollenden Ausführungen meines Erzeugers (er ist mir bis heute die wichtigste Wissensquelle geblieben) gestalteten die Recherche jedoch ein wenig schwierig. Dennoch fand ich in Brechts Aufzeichnungen über die 1947er Premiere des »Galilei« in den USA Folgendes: »Hauptsorge war die Hitze. Er (der Regisseur) verlangte das Lastwagen mit Eisblöcken um das Theater angefahren und Ventilatoren in Bewegung gesetzt wurden – das die Zuschauer denken konnten.« Also ein kopflastiges Stück – klingt nach schwerer Kost.

Im Foyer

Hitzewellen schlagen mir entgegen. Im Zelt soll keiner frieren. Ich mache mir Sorgen um das Denken! Das durchaus junge Publikum scheut die inhaltliche Auseinandersetzung offenbar nicht. Von wegen »nur was für alte Leute« – junges Theater!

Das wissenschaftliche Thema wäre gewiss auch etwas für unseren Uni-Rektor Professor Wolfgang Schareck – doch dieser lässt sich – ebenso wie unser Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) – nicht erblicken. Statt dessen macht der Intendant Peter Leonard noch kurz vor Beginn der Inszenierung selbst Politik, greift Kultursenatorin Dr. Liane Melzer (SPD), die in dieser Woche mit ihren veröffentlichten Sparplänen in Theaterkreisen für Entrüstung gesorgt hat, scharf an. In einer kurzen Ansprache vor dem Premierenpublikum kritisiert er die »Dauerunterfinanzierung« seines Hauses. Zudem seien »Entlassungen oder Streichungen von Sparten keine Lösung.« Er erwarte eine »konstruktive Lösung« von Seiten der Politik, angesichts der angespannten (finanziellen) Situation. Frau Melzer war schon vor Beginn der Vorführung bedient. Leonard erntete zustimmenden Applaus vom nahezu ausverkauften Haus.

Wie lebendig dieser Mikrokosmos Theater geworden ist. Es sind freilich nicht die besten Zeiten, aber es wird viel, wie schon lange nicht mehr, über das Theater gesprochen.

Das Stück 

Galileo Galilei – einer der Größten in der Geschichte. Die Handlung sollte folglich jedem geläufig sein. Galilei und die Wissenschaft im Kampf gegen Vorurteile und rückständiges Denken. Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Oder doch? Galilei bringt den Beweis für das heliozentrische Weltbild. Doch wo blieb da noch Gott? Die Kirche fühlte sich in diesem neumodischen Konstrukt derart vernachlässigt, dass sie Revision der Thesen »wünscht«. Und bekommt. Am Ende ist es die Furcht – oder doch das gute Essen – Galilei widerruft. Vielleicht hatte auch er am Ende sogar unrecht – und das Weltbild ist vielleicht ein egozentrisches?

Kritik 

Jakob Kraze spielt den eigentümlich wirkenden Galilei mit einer großartigen Souveränität und Präsenz, welche manchen Zuschauer, ob einiger Interaktionen gar ein wenig einschüchtern mag. Mit Halbglatze und langen Zotteln – Vokuhila sozusagen – bewahrt die Rolle den Zuschauer vor all zu schnellen Sympathiebekundungen. Nicht das große Genie dieses Wissenschaftlers soll bewundert werden, es soll vielmehr eine kritische Auseinandersetzung stattfinden. Gelingt! Kraze ist für das Volkstheater vielleicht das, was Arien Robben für den FC Bayern München ist: Vielleicht nicht mehr die jüngste Garde – aber jedes Spiel hat mit seiner Beteiligung das Potenzial zu einem ganz Großen zu werden.

Udine Cornelius (u. a. als Frau Sarti) spielt absolut authentisch (wie immer). Paul Walther glänzt als Ludovico vor allem mit einer Tanzszene a la James Bond. Kraze verkörpert in der gleichen Szene das komödiantische Pendant nach dem Vorbild von Austin Powers. Sehr unterhaltsam! Hervorzuheben ist die außerdem die Leistung von Peer Roggendorf, welcher als Kurator, Prälat, Kardinal, und noch einigen weiten Rollen fast schon schizophrenes Talent beweist. Als dicker Prälat kann er durch sein physisches Spiel herrlich amüsieren. Und Stephan Fiedler liegt die Rolle des »Bösen« (Inquisitors) deutlich besser als die des Ivan in »Adams Äpfel«.

Kay Wuschek hat ein imposantes Stück auf die Bühne gebracht. Rot-Weiß, gestreift, überall. Das Bühnenbild ist beeindruckend, ebenso die Kostüme. Man denkt zuerst an die »White Stripes« oder an »Willy Wonkas Schokoladenfabrik«. Die vielen Ebenen und der Raum geben dem Spiel bislang ungekannte Möglichkeiten. Das Provisorium (Zelt) entpuppt sich als die vielleicht beste Bühne, welche die Stadt seit Dekaden gesehen hat. 

Appendum 

Von wegen schwere Kost. Modern umgesetzt und »bekömmlicher« als beispielsweise »Ein Volksfeind« ist das Stück das bisher sehenswerteste in dieser Saison. Szenenapplaus und Ansätze von stehenden Ovationen sind Beweis hierfür. Schade, dass Hüte aus der Mode sind – ich hätte ihn geworfen.

• Weitere Vorstellungen im Theaterzelt:
22. Oktober, 19.30 Uhr
29. Oktober, 19.30 Uhr
12. November, 19.30 Uhr
13. November, 18 Uhr (Theatertag, 2 Tickets zum Preis von einem)
26. November, 19.30Uhr
09. Dezember, 19.30 Uhr

Weblinks:

• http://www.volkstheater-rostock.de/

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